"Und
der Apfel fällt nicht weit vom Stamm....", in diesem Fall
allerdings fast
9000 Meilen entfernt vom idyllischen Bad Aibling, in das
"unkulturelle" Amerika. Mehr weit und breit als groß, deshalb
auch
"Bummerl" genannt, zog es Brigitte Gastel 1967 in die neue Welt, um
das "Fürchten" zu lernen.
Die
Tochter des bekannten früheren "Mangfallboten"-Redakteurs Helmut
Gastel, der von 1941 bis 1975 über das kulturelle Leben im
Landkreis Bad
Aibling/Rosenheim berichtete, wurde früh in ihrem Leben mit Kunst
konfrontiert,
da der Vater Veranstaltungen wie Opern, Operetten, Schauspiele und
Musicals im
lokalen Kurhaus organisierte. Vor allem während und nach dem 2.
Weltkrieg war
Bad Aibling ein kleiner Zufluchtsort für so manche Künstler
der nahe gelegenen
und schwer bombardierten Großstadt München und es bildete
sich mit der Zeit ein
kleiner Künstlerkreis, rund um den Malerstammtisch im Cafe Rupp,
wo auch das
Ehepaar Gastel oft zu Gast war.
Übrigens
gab es im Hause Gastel "drei" Aiblinger Ehefrauen und eine Muenchnerin.
Die erste Aiblingerin war
Brigittes Mutter Katharina, auch Kätherl genannt. Die zweite
Gattin war Elvira und
es folgte noch Liselotte. Dies nur zur Bemerkung, damit man die
"lustigen
Weiber von Windsor" auseinander halten kann.
Die
Autoren Hans Heyn, sowie das Ehepaar Schoenmetzler haben in ihren
wundervollen
Büchern bereits ausführlich über diese
Künstlerkolonie berichtet.
Obwohl
die pummelige Brigitte damals noch sehr klein war, kann sie sich ganz
besonders
an den "wilden Westen", pardon, "Welden" erinnern, der ihr
mit seinem schütteren weißen Haar und einem stets unter den
Arm geklemmten
Jagdgewehr ("und wo sind Pinsel und Palette?" wunderte sie sich
ständig) immer einen kleinen Schrecken eingejagt hat.
Hätten
die Gastels damals ein Gästebuch geführt, dann wäre es
wohl ein "Who is
Who" im künstlerischen Wendelsteingebiet geworden. Die Küche
der Mama war
oft überfüllt mit Stars und Sternchen, die nur zu gerne von
den fettlos gebratenen
Kartoffeln mit Tomaten und Zwiebeln kosteten und umsonst auf dem schon
sehr
ausgeleierten Sofa übernachten durften - glücklich, keinen
Bombenalarm mehr
fürchten zu müssen - wenn auch die Flucht ins Normale nur
für ein paar Stunden
gegönnt war.
Das
Kätherl saß am Abend oft an einer der Theaterkassen von
Rosenheim, Kolbermoor, Brannenburg, Aschau, Ruhpolding, Prien, usw. und
kassierte, damit die
Künstler wenigstens ein bisserl über die Runden kamen und oft
war das
"Bummerl" dabei, das sich immer köstlich amüsierte und viel
für sein
späteres Leben aufnahm. Anscheinend entwickelte sich damals schon
eine kleine
Schriftstellerin/Schauspielerin. Nicht umsonst ist heute ihr Bruder
Norbert Gastell (abstammend von der Muenchner Ehegattin) die
deutsche Stimme des bliebten "Homer Simpsons" Mit anderen Worten,
sie ist der Spross einer sehr talentierten Familie.
Pünktlich
schlafen gehen? Warum? Es konnte ja keine Nonne mit dem Lineal drohen.
Allzu
gern hätte man aber dem Herrn Gastel des öfteren auf die
Finger geklopft, war
er doch als "Womanizer" oder "Frauenheld" damals schon bei
der katholischen Gesellschaft aufgefallen. Aber die "Kleine" wusste
Gottseidank von allem nichts. Und was die Aiblinger betrifft, na ja, da
war es
damals genau wie heute, statt vor der eigenen Türe zu kehren, tat
man das
lieber bei den anderen.
Brigitte
setzte sich schon früh ins Rampenlicht, denn sie bekam ihre erste
Rolle bereits im reifen Alter von drei Jahren in Rosenheim, als
das Kind
von "Madame Butterfly" ausfiel und man vor lauter Verzweiflung
"Bummerl" engagierte. Wer Brigitte kannte, wusste, dass sie alles
andere als japanisch aussah. Vornehm blass wie die Wand, aber mit
roten
Bauernbacken, großen Augen, leuchtend blau wie der
bayerische Himmel und
langen weizenblonden Zöpfen - von der "zierlichen" Figur ganz zu
schweigen, passte sie hervorragend in einen Kimono. Das Kind sah aus
wie ein
"Versehen", na ja, im Grunde genommen war sie es doch auch, als
Produkt einer illegitimen Liaison der Japanerin mit einem U.S.Soldaten.
Ob ihre
Liebe für Amerika damals schon anfing?
Sie
selbst dachte daran erst etwas später, als sie mit acht Jahren
schon "Vom
Winde verweht" und "Kalifornische Symphonie" las - ganz passend
zu ihrer Persönlichkeit - was sich aber natürlich erst
später herausstellte.
Zurück
zu Cio-Cio-San und ihrer wundervollen traurigen Arie, dem Traum/Solo
jeder
Opernsängerin. "Un Bel Di Vedrome", wobei man diskret in die
Schneuztücher schluchzte und das Make-up verschmierte und sich
nicht seelisch
bloßstellen wollte (natürlich nur die Frauen, denn bei
Männern hätte es sonst
wieder einen Gesprächsstoff gegeben...). Es war alles so
schön traurig, als
sich Brigitte entschied ins Rampenlicht zu treten - aus
Verärgerung, weil ihre
geliebte Schlumpl, auch Puppe genannt, nicht auf die Bühne durfte.
Sie tippelte
zu Madame, in der Zwischenzeit ihr kalkweisses Gesicht der Indianer
Kriegsmalerei anpassend, das weizenblonde Haar sehr sichtbar unter der
schwarzhaarigen Perücke und zupfte die Sängerin am Kimono, um
die
Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Zuerst
war es außer ein paar Seufzern sehr still im Saal, da sich die
Leute total auf
Cio-Cio-Sans Lamente konzentrierten. Brigitte bekam aber ihre
Beachtung, als
man dieses kleine Elendsbündel auf der Bühne erblickte und
ein verhaltenes
Gekicher von hinten nach vorne machte sich bemerkbar, das im tosenden
Gelächter
endete, inmitten einer der traurigsten Szenen der Oper.
Puccini
drehte sich im Grab um - oh was für eine Blamage seiner Tragik!
Der Sopran sang
weiter und ließ sich von der kleinen Schauspielerin nicht
beirren. Heißt es
nicht in Amerika "it ain´t over until the fat lady sings"? Ganz
schnell wurde die runde Gestalt von der Bühne entfernt und vorbei
waren
Brigittes 15 Minuten des Ruhms, die angeblich jedem im Leben
zustehen
sollen, wenn man den Maler Andy Warhol zitieren will.
Und
dann kam die Kunst (nicht unbedingt Andy Warhols...). Die Gastel
Familie liebte
vor allen Dingen Landschaftsmalereien, Stilleben und manche Figuren
(letztere,
so lange sie von Leibl, Hilz und Wennerberg stammten). Die schlechten
Zeiten
damals erlaubten es nicht viele Bilder zu kaufen, aber ein paar
schöne Gemälde
hingen immer im Wohn- und Schlafzimmer und Brigittes Phantasie grenzte
ans
Endlose. Was Mueller-Schnuttenbach als Zaun mit ein paar Bäumen
präsentierte,
war für das Kind ein rasender Zug durch die Landschaft und
der arme
Wennerberg wurde mit Bleistift korrigiert, sehr zum Entsetzen der
Mutter.
Ganz
besonders beeindruckte sie Mueller-Samerbergs "Pastorale". Das Lamm
auf dem kleinen Hügel gefiel ihr besonders und sie versetzte sich
an dessen
Stelle und genoss die Einsamkeit, Stille und das Friedvolle der
Landschaft. Sie
war ja selbst noch sehr unschuldig und wartete ungeduldig auf die
Zukunft. Die Erinnerung an diese Vergangenheit macht etwas
wehmütig,
da Brigitte in ihrem Leben nicht nur glückliche Momente erwartet
haben.
Professor
Urban kannte sie nur aus den Berichten ihrer Mutter. Danach
soll
Urban auf dem Heimweg gerne ein Gänseblümchen für seine
Frau als Geste der
Liebe gepflückt haben, was dem Kind natürlich sehr gefiel.
Seine Landschaften
waren ihr fremd, und da sie noch nie das Alpengebiet
verlassen
hatte, wunderte sie sich über die Farben, die Eigenartigkeit der
Gebäude und
die Formen der Flora. Was ihr aber all das näher brachte, war ihre
Schulfreundschaft mit Urbans Großnichte Franziska Raza. Beide
fühlten sich ein
bisschen außerhalb der Rolle, jede mit ihren eigenen Problemen
und Gefühlen
beschäftigt und doch einander eng verbunden. Diese Freundschaft
besteht heute
noch und ist letzten Endes - bedingt durch die Lebensumstände
- fast ihre
einzige Beziehung zu Aibling geblieben.
Damals
tauschte man viel, die Zeiten waren schlecht und die Künstler und
Kunden waren
sehr flexibel bei ihren Verkäufen und Ankäufen. Am
wichtigsten waren wohl die
Lebensmittel um sich über Wasser zu halten. Geld als solches war
nicht viel
wert und man wusste anfangs nicht, ob die neu eingeführte D-Mark
sich auch
halten würde. Zuerst gab es ja Reichsmark und diese
Scheine waren am Ende
nur mehr als Toilettenpapier brauchbar. Schmuck war ebenso begehrt,
denn er ließ sich immerhin wieder in Lebensmittel umsetzen.
Vieles drehte sich
ums Essen und man sah es Brigitte an, die diesem Subjekt wirklich viel
Beachtung schenkte und immer am "Auftanken" war.
Als
Brigittes Mutter 17 Jahre alt war, wurde sie von Sepp Hilz skizziert
(wie so
viele andere shöne Aiblinger Mädels) und Sepp wollte sie als
Vorbild für die
bayerische Venus haben. Da sie aber unter dem "gesetzlichen" Alter
war und er sich keine Schiefer einziehen wollte, musste er ihre Mutter
um
Erlaubnis bitten. Die einfache Frau, die ihre Moral
hochhielt,
wie halt damals üblich, war total entsetzt, dass man ihre
Tochter nackt
malen wollte und titulierte den Sepp Hilz als "a Saubaer" .Und damit
wurde nichts mit der bayerischen Venus.
Das heute 82jährige Kätherl bereut es immer noch, dass sie
damals nicht die
Erlaubnis erhielt, denn dieses Gemälde hätte sie unsterblich
gemacht.
Tja
und den Rest wissen wir ja. Hilz malte das hübsche Annerl
Meierhanser und
erreichte den Ruhm, der ihm gebührte. Das Kätherl blieb eine
Skizze und später
kaufte Helmut Gastel dem Maler das Bild ab und gab es seiner Frau als
Geschenk.
Kurioserweise malte Sepp Hilz während dieser Zeit auch Helmut
Gastels letzte
Frau, Liselotte, die den Titel "Das Mädchen mit der roten Kette"
erhielt und somit blieb alles in der Familie, zumindest für eine
bestimmte
Zeit. Leider wurde dieses Bild - wie so viele andere
Kunstgegenstände -
gestohlen und wird heute in Amerika vermutet.
Tief
verwurzelt mit diesen Geschichten und ständig von Kunst umgeben,
entwickelte
sich Brigitte, wenn auch als Spätzünder (denn mit den
Teenagerjahren kamen
Elvis Presley und James Dean in ihr Leben und die Liebe zur Kunst wurde
ins
Unterbewusstsein geschoben, aber nie vergessen. Wurzeln vergisst man
nicht....).Das Abenteuer steckte in ihrem Blut und ganz besonders das
Reisen
und was sich vor 30 Jahren einmal als "Neckermann machts möglich"
präsentierte, artete bei ihr in Emigration aus. Die große
Welt lockte und sie
ließ ihre Heimat hinter sich oder im Stich, wie es von manchen
ausgelegt wurde.
Zuerst
mit Ehe und Kindererziehung beschäftigt, fühlte Brigitte eine
Leere in ihrem
Leben und die Sehnsucht nach der Heimat wurde immer stärker. Aber
statt wie
andere "Heimzukehren", lernte sie neben weiteren Ehemännern (das
Erbe
Helmut Gastels musste ja schließlich gepflegt werden!),
das damals noch
neue Internet kennen und studierte intensiv alles was mit Kunst,
aber auch
mit Genealogie und Reisen zu tun hatte.
Neben
ihrer Liebe für die bayerischen Maler, interessierte Brigitte sich
auch bald
für die kalifornischen Plein Air Maler (sie wohnte an der
Küste Kaliforniens)
und für die U.S.Ostküsten Größen (sie wohnte an
der Küste Rhode Islands), sowie
letztendlich für Scottsdale, Arizona, dem Mecca der Künstler
und Galeristen, wo
alles geboten wird - vom Wilden Westen, Impressionisten,
Expressionisten,
Realisten, Tonalisten, Modernen, bis zum Abstrakten. Mein Gott, wie
konnte man
nur jemals annehmen, dass die Amerikaner keine Ahnung von guter Kunst,
Technik
und Farben hätten? Die bekannten Künstlerkolonien Santa Fe
und Taos in
Neu-Mexiko waren sozusagen - nach amerikanischem Ausmaß - gleich
um die Ecke
und wurden vielfach von ihr aufgesucht. Später, als sich der
Eiserne Vorhang
hob, kamen die russischen Maler hinzu und danach die
Fernost-Künstler, vor
allem die chinesischen Maler, die den amerikanischen Markt eroberten.
Zusammen
mit den Voralpenmalern schuf sich Brigitte ein Multi-Kulti der Kunst.
Es
eröffnete sich ihr eine Welt, die sie nicht für möglich
gehalten hätte und die
sie noch immer in ständiger Begeisterung hält. Die
Krönung ihrer Arbeit war
wohl der Auftrag der staatlichen St.Petersburg Kunstakademie
(früher die Repin
Kunstakademie genannt), die ihr die exklusiven Rechte für die USA
Webseite
zusicherten und für die sie mit einem der Direktoren die Rubrik
"Art Life
in St. Petersburg" bearbeiten durfte, damit die nicht-russischen Leser
erfahren können, was in der St.Petersburg Akademie
und Umgebung geboten
wird: http://artroots.com/ra/index.html
Vierzehn
Stunden am Tag, jahrelang am Computer mit Kunst und Genealogie
beschäftigt, - ja hat das Mädel denn kein anderes
weitaus interessanteres
Leben? - wurde ihr zunehmend klar, dass man über Deutschland,
abgesehen von den
üblichen bekannten Namen wie Dürer und Leibl nicht viel im
Internet fand und
wenn dann nur extrem moderne Arbeiten, bei denen man nicht wusste, wo
vorne und
hinten war! Da keimte die in ihrer Kindheit gepflanzte Saat und es
drängte
sie, ihre Heimat ins "Bild" zu stellen, um damit die einmalige und
ganz außergewöhnliche Möglichkeit für jeden
Kunstinteressierten zu schaffen,
sich über oberbayerische Künstler (gewesen oder noch lebend)
umfassend
informieren zu können. Siehe: http://artroots.com/art/bavaria/index.html
Erschwert
wird dieses Projekt, weil viele Galerien keine eigene Webseite besitzen
und man
in Europa sehr großen Wert auf das copyright legt, was man in
Amerika etwas
lässiger nimmt. Tapfer
setzte sich Brigitte gegen viele Hindernisse und Engstirnigkeit durch.
Als
typischer Steinbock, immer mit dem Kopf durch die Wand, war es ihr
möglich, mit
viel Enthusiasmus, einem unglaublichen Einsatz an Zeit und Energie,
sowie
sehr hohen Kosten, das umfangreichste Lexikon für
Künstler, Galerien und
Museen ins Internet zu stellen, das je erarbeitet wurde. Die positive
Resonanz
und das große Interesse machen ihr Mut, diese Arbeit
noch weiter
auszubauen. Ihre
Liebe zur Heimat wurde dadurch noch verstärkt und auch an ihre
Kinder
weitergegeben.
Brigitte
hofft natürlich, dass sie noch viele Jahre arbeiten kann und
Unterstützung von
Städten, Museen, Galerien und Künstlern bekommt. Vielleicht
erfüllt ja dieser Artikel ihren Wunsch....
Für
Interessierte: www.artroots.com

Website
von
Brigitte
Gastel,
Scottsdale,
Arizona, USA
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